Osterlächeln

osterlchelnimkindle

Der Mann starrte mit unverhohlenem Hass zu ihm herüber. Pfarrer i. R. Ansgar Hansen fragte sich, wo er das Gesicht des fremden Kirchenbesuchers schon einmal gesehen hatte, aber es wollte ihm nicht einfallen. Er seufzte. Sein Gedächtnis ließ ihn in letzter Zeit immer häufiger im Stich, eine der vielen Unannehmlichkeiten, die das Alter mit sich brachte. Er war jetzt beinahe siebzig und die lebenslange Arbeit im Gemeindedienst hatte ihn verschlissen. Und wenn es auch fast Ostern war, so würde seine persönliche Auferstehung doch noch eine Weile auf sich warten lassen. Für ihn hieß es erst einmal, den langen langsamen Verfall zu ertragen, welcher mit dem Älterwerden einherging.

Man feierte die Osternacht in einer der großen Hamburger Hauptkirchen, die voller Menschen war. Bald würden das wichtigste Fest der Christenheit und zugleich ein neues Kirchenjahr beginnen. Früher war Hansen selbst einmal einer der Pastoren in dieser Gemeinde gewesen. Heute saß er als gewöhnlicher Besucher in der letzten Bank des Hauptschiffs. Das Gewölbe war nur von Kerzenlicht erhellt. Vorne sang der Kantor das Exsultet. Und vom nördlichen Kirchenschiff her starrte ihn der seltsame Fremde an.


"Osterlächeln"
Kurzkrimi von Marc van der Poel
erhältlich als Kindle E-Book auf Amazon

Katzenbesitzer

katzenbesitzerimkindle
‘Wie der Kater’, dachte Beck, während er den Jungen ansah. ‘Genau wie der Kater, als er aus dem Tierheim kam. Geduckt. Alles eingezogen. Ein einziges großes Auge, das hinter einer Deckung hervorschaut.’

Der Junge hatte nur einen Schlafanzug an. Er hatte die Beine ineinander verschlungen, einen Daumen im Mund und drückte sich so eng er konnte an seine Mutter, die auch nur ein Nachthemd trug. Von den vier Menschen, die in der Wohnung lebten, war niemand richtig angezogen. Über Hamburg wurde es gerade hell.

Beck sah auf seine Uhr. Vor zehn Minuten waren sie vorgefahren. Außer ihm selbst eine Kollegin von der Ausländerbehörde. Dazu sechs Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes und vier Polizisten, einer davon mit Hund. Drei der Polizisten überprüften nun Papiere. Der Hundeführer sicherte die Wohnungstür. Das Tier bellte unablässig und Beck fragte sich, warum der Beamte nichts dagegen tat. Die Privaten hatten sich in den wenigen Zimmern postiert, breitbeinig, Schlagstöcke und Reizgas am Gürtel.

Beck vergewisserte sich selbst noch einmal, dass sie die richtigen Leute hatten. Die Afghanin, zwei Kinder, ein Großvater. Einen Ehemann gab es nicht. Beck hatte vergessen, warum. Er konnte jetzt schon sagen, dass dies einer von den besseren Einsätzen war. Alle Gesuchten waren da. Niemand hatte versucht, sich etwas anzutun. Und weil es Sonntag war, würde wahrscheinlich auch kein Richter mehr Schwierigkeiten machen.


"Katzenbesitzer
"
Kurzgeschichte von Marc van der Poel
erhältlich als Kindle E-Book auf Amazon

 

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!