Osterlächeln

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Der Mann starrte mit unverhohlenem Hass zu ihm herüber. Pfarrer i. R. Ansgar Hansen fragte sich, wo er das Gesicht des fremden Kirchenbesuchers schon einmal gesehen hatte, aber es wollte ihm nicht einfallen. Er seufzte. Sein Gedächtnis ließ ihn in letzter Zeit immer häufiger im Stich, eine der vielen Unannehmlichkeiten, die das Alter mit sich brachte. Er war jetzt beinahe siebzig und die lebenslange Arbeit im Gemeindedienst hatte ihn verschlissen. Und wenn es auch fast Ostern war, so würde seine persönliche Auferstehung doch noch eine Weile auf sich warten lassen. Für ihn hieß es erst einmal, den langen langsamen Verfall zu ertragen, welcher mit dem Älterwerden einherging.

Man feierte die Osternacht in einer der großen Hamburger Hauptkirchen, die voller Menschen war. Bald würden das wichtigste Fest der Christenheit und zugleich ein neues Kirchenjahr beginnen. Früher war Hansen selbst einmal einer der Pastoren in dieser Gemeinde gewesen. Heute saß er als gewöhnlicher Besucher in der letzten Bank des Hauptschiffs. Das Gewölbe war nur von Kerzenlicht erhellt. Vorne sang der Kantor das Exsultet. Und vom nördlichen Kirchenschiff her starrte ihn der seltsame Fremde an.


"Osterlächeln"
Kurzkrimi von Marc van der Poel
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